Deutschland und Armenien: Geschichte, Kultur und Spuren, die man heute noch findet

Tsitsernakaberd Armenian Genocide memorial complex on its hill in Yerevan, Armenia

Die Deutschland Armenien Beziehungen reichen weiter zurück und sind verwobener, als die meisten Reisenden ahnen. Zu ihnen gehören ein Potsdamer Pfarrer, der 1915 die Deportationen aufhalten wollte, ein Straßburger Sprachforscher, der das Armenische als eigenen Zweig des Indogermanischen erkannte, ein Priester und Komponist, der in Berlin studierte, und eine Abstimmung im Bundestag im Jahr 2016. Wir sind ein Team aus Jerewan und halten uns in diesem Text an das, was wir überprüfen konnten. Wo Quellen auseinandergehen, sagen wir es. Außerdem zeigen wir, was Sie als Besucher in Armenien tatsächlich sehen können.

FrageKurze Antwort
Bundestagsresolution zum Völkermord2. Juni 2016, eine Gegenstimme, eine Enthaltung
Bekanntester deutscher ZeugeJohannes Lepsius (1858-1926), Pfarrer und Orientalist
Gedenkort in DeutschlandLepsiushaus Potsdam (Gedenk- und Forschungsstätte seit 2011)
Sprachforscher zum ArmenischenHeinrich Hübschmann, 1870er Jahre
Komitas in Berlinab 1896, 1899 zurück in Etschmiadsin
Spuren deutscher KriegsgefangenerFriedhöfe (Abowjan, Gjumri), Bauarbeiten nach 1945, Details umstritten
Einreise für Deutschevisumfrei bis 180 Tage pro Jahr (Stand 2026, vorher prüfen)
Flugzeit ab Deutschlandetwa 4 bis 4,5 Stunden nonstop

Welche Rolle spielte das Deutsche Reich 1915?

Das Deutsche Reich war im Ersten Weltkrieg der wichtigste militärische Verbündete des Osmanischen Reiches. Diplomaten, Offiziere, Lehrer und Missionare waren vor Ort und berichteten nach Hause. Nach einer Studie zu dieser Zeit meldete Botschafter Wangenheim in einem Telegramm vom 31. Mai 1915 erstmals die Vernichtung der Armenier an das Auswärtige Amt. Am 6. Oktober 1915 ordnete die Reichsregierung an, dass die Presse bis Kriegsende zu dem Thema schweigen solle.

Der Bundestagsbeschluss von 2016 formuliert es deutlich: Das Reich habe trotz klarer Informationen von Diplomaten und Missionaren nicht versucht, die Verbrechen zu verhindern. Die türkische Regierung lehnt den Begriff Völkermord ab. Das sollten Sie wissen, falls das Thema im Gespräch aufkommt. Wir schildern die Geschichte so, wie sie belegt ist, und überlassen politische Auseinandersetzungen den Historikern.

Wer war Johannes Lepsius, und was sehen Sie in Potsdam?

Johannes Lepsius wurde 1858 in Berlin geboren und starb 1926 in Meran. Nach den Massakern von 1895/96 reiste er in die Region, veröffentlichte einen Bericht und gründete 1897 in Berlin das Armenische Hilfswerk. Er leitete die Deutsche Orient-Mission, die die Zeitschrift „Der Christliche Orient“ herausgab, sowie die Deutsch-Armenische Gesellschaft.

1915 erhielt er die Erlaubnis, ins Osmanische Reich zu reisen, kam am 24. Juli in Konstantinopel an und traf am 10. August Kriegsminister Enver Pascha. Dieser ging auf seine Vorschläge nicht ein. Zurück in Deutschland verfasste er einen vertraulichen Bericht von rund 300 Seiten. 1916 wurden etwa 20.000 Exemplare an evangelische Pfarrer und Förderer verschickt, später verbot die deutsche Zensur den Bericht. Im Juli 1916 ging Lepsius ins Exil in die Niederlande. 1919 stellte er die Dokumentensammlung „Deutschland und Armenien 1914-1918“ zusammen. Historiker weisen darauf hin, dass sie redigiert wurde, lesen Sie sie also mit diesem Wissen. Franz Werfel nannte ihn den „Schutzengel der Armenier“.

Das Lepsiushaus in Potsdam ist die Villa, in der er von 1908 bis 1926 lebte und arbeitete. Seit 2011 ist es eine Gedenk- und Forschungsstätte mit Ausstellungen, Vorträgen und Tagungen. Öffnungszeiten ändern sich, prüfen Sie sie vor einem Besuch.

Tsitsernakaberd Armenian Genocide memorial complex on its hill in Yerevan, Armenia
Tsitsernakaberd, die Gedenkstätte für die Opfer des Völkermords über Jerewan Photo: Preacher lad / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Wer dokumentierte außerdem, was geschah?

Armin T. Wegner diente als Sanitätssoldat im Stab von Feldmarschall von der Goltz und fotografierte auf dem Marsch von Konstantinopel Richtung Bagdad. Diese Bilder halfen später, die europäische Öffentlichkeit über die Deportationen zu informieren.

Martin Niepage, ein deutscher Lehrer in Aleppo, half Lepsius bei dem Versand von 1916 und wurde später von der osmanischen Regierung in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Die Beispiele zeigen, dass es auch unter Deutschen Menschen gab, die hinsahen und handelten, auch wenn die Reichsführung schwieg.

Was beschloss der Bundestag 2005 und 2016?

Am 15. Juni 2005 nahm der Bundestag einen Antrag von SPD, CDU/CSU, Grünen und FDP zum Gedenken an die Vertreibungen und Massaker von 1915 an und sprach von der „unrühmlichen Rolle“ Deutschlands. Die Resolution von 2016 ging weiter. Sie trägt den Titel „Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916“ und wurde am 2. Juni 2016 mit einer Gegenstimme und einer Enthaltung angenommen.

Sie bezeichnet die Ereignisse als Völkermord, schließt assyrisch-aramäische und chaldäische Christen neben den Armeniern ein und betont die Mitverantwortung des Deutschen Reiches. Bundestagspräsident Norbert Lammert sprach in der Debatte von Mitschuld. In Jerewan besuchen deutsche Politiker Tsitsernakaberd immer wieder. Im Juni 2023 besuchte etwa der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Michael Roth, die Gedenkstätte.

Welche deutschen Spuren finden Sie in Armenien selbst?

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren deutsche Kriegsgefangene in der Armenischen Sowjetrepublik interniert und arbeiteten auf Baustellen. Hier ist Vorsicht geboten, denn die Quellenlage ist ungleichmäßig. Das Lasarew-Sanatorium in Arzni in der Hrasdan-Schlucht bei Jerewan gilt in mehreren Berichten als mit Hilfe von Kriegsgefangenen fertiggestellt. Es ist verlassen, und wir raten davon ab, solche Gebäude zu betreten. Für Bauten der Sowjetzeit kursiert der Spitzname „deutsche Qualität“, doch welche Gebäude in Jerewan tatsächlich von Gefangenen errichtet wurden, konnten wir nicht belegen. Deshalb nennen wir keines.

Besser dokumentiert sind die Gräber. Der Volksbund führt in Abowjan einen Kriegsgefangenenfriedhof mit 97 Toten, umgeben von Granit und Basalt und 1999 wiederhergestellt. Der Bericht eines lokalen Erkunders nennt für Gjumri einen größeren Friedhof mit 369 deutschen Gräbern; betrachten Sie diese Zahl als unbestätigt.

Die lebendige Verbindung ist das Goethe-Institut. Ein Goethe-Zentrum wurde im Dezember 2017 in Jerewan angekündigt, und im August 2026 meldeten armenische Medien eine Vereinbarung des Bildungsministeriums mit dem Goethe-Institut Armenien zu Deutschunterricht und Sprachprüfungen. Das Institut nennt Deutschkurse von A1 bis C2 und eine Adresse in der Moskovyan-Straße; aktuelle Angaben finden Sie auf goethe.de.

Matenadaran, the Mashtots Institute of Ancient Manuscripts, in Yerevan, Armenia
Das Matenadaran in Jerewan, das Institut für alte Handschriften Photo: Vyacheslav Argenberg / Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Wie prägten deutsche Gelehrte und Musiker die armenische Kultur?

Heinrich Hübschmann (1848-1908) hatte ab 1877 den Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft in Straßburg inne. In einem 1875 veröffentlichten Vortrag und einem Aufsatz von 1877 zeigte er, dass das Armenische ein eigenständiger Zweig des Indogermanischen und kein iranischer Dialekt ist. 1897 erschien seine „Armenische Grammatik I“, ein etymologisches Werk. Schon 1875 hatte er den Geschichtsschreiber Sebeos übersetzt.

Komitas kam 1896 nach Berlin. Er studierte am privaten Konservatorium von Richard Schmidt und wenige Monate später an der Friedrich-Wilhelms-Universität, der heutigen Humboldt-Universität. Sein Lehrer Oskar Fleischer gründete 1898 die Internationale Musikgesellschaft, Komitas war Gründungsmitglied. Sein Beitrag über armenische Kirchenmusik erschien 1899 im ersten Band der „Sammelbände“, in dem Jahr, in dem er nach Etschmiadsin zurückkehrte.

Die schriftliche Kultur, mit der solche Gelehrten arbeiteten, können Sie im Matenadaran in Jerewan sehen, das Zehntausende Handschriften besitzt. Nach dem Stand von 2026 ist es dienstags bis samstags etwa von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Klären Sie Eintritt und Anmeldung für fremdsprachige Führungen vorab.

Wie groß ist die armenische Gemeinde in Deutschland?

Die Zahlen sind unsicher. 2015 schätzte die armenische Botschaft in Berlin 50.000 bis 60.000 ethnische Armenier in Deutschland. Manche Quellen nennen bis zu etwa 100.000. Das Statistische Bundesamt zählte 2024 insgesamt 32.815 armenische Staatsangehörige. Die Zahl liegt niedriger, weil viele Menschen armenischer Herkunft aus der Türkei, dem Iran, Syrien oder der früheren Sowjetunion stammen und andere Pässe besitzen.

Sitz der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland ist die Kirche Surp Sahak Mesrop in Köln, deren Gemeinde 1989 einzog. Wenn Sie armenischstämmige Freunde in Berlin, Hamburg, Köln oder München haben, kennen die oft Kirchen und Kulturvereine besser als jeder Reiseführer.

Wie planen Sie das ein, wenn Sie aus Deutschland kommen?

Unser Ratgeber zu den Flügen nach Armenien nennt Nonstop-Verbindungen ab Frankfurt, Dortmund, Memmingen, Hamburg, Köln und Berlin, manche davon saisonal. Die Flugzeit beträgt etwa 4 bis 4,5 Stunden. Prüfen Sie den aktuellen Flugplan vor der Buchung. Deutsche reisen visumfrei bis zu 180 Tage pro Jahr ein. Weitere Schritte finden Sie in unserer Anleitung, wie Sie Ihre Armenien-Reise planen. Wer länger bleiben will, liest die Hinweise zu Visum, Kosten und Internet für digitale Nomaden in Armenien.

Ein guter halber Tag in Jerewan verbindet Tsitsernakaberd (die Gedenkstätte stammt von 1967, das Museum von 1995; der Eintritt war bisher frei, montags geschlossen) mit dem Matenadaran. Praktische Angaben stehen in unserem Beitrag zu Tsitsernakaberd, Matenadaran und den Museen in Jerewan. Mit Auto oder Tour lässt sich Etschmiadsin ergänzen. Verhaltensregeln an Gedenkorten und in Kirchen erklärt unser Beitrag zu armenischer Kultur und Gastfreundschaft, den Gesamtüberblick bietet der Armenien Reise Guide.

Etchmiadzin Cathedral, the mother church of the Armenian Apostolic Church, Vagharshapat
Die Kathedrale von Etschmiadsin, geistliches Zentrum der Armenischen Kirche

Wo liegen die Grenzen, und für wen ist das nichts?

Dies ist kein deutscher Erinnerungspfad. Der größte Teil der deutsch-armenischen Geschichte spielte sich in Berlin, Potsdam, Straßburg und Konstantinopel ab, nicht in Armenien, und die materiellen Spuren in Armenien sind bescheiden: Gedenkstätten, Handschriften, Friedhöfe und das Goethe-Institut. Wer nur Landschaften und Klöster sucht, kann die tiefere Geschichte auslassen und reist trotzdem gut.

Wenn Sie das Thema bei armenischen Gastgebern ansprechen, fragen Sie respektvoll und hören Sie zu. Vermeiden Sie Debatten über Begriffe oder Vergleiche mit dem aktuellen Konflikt mit Aserbaidschan. Viele Armenier schätzen es, dass Deutschland seine eigene Rolle benannt hat, doch Meinungen unterscheiden sich. Beachten Sie außerdem, dass Öffnungszeiten, Eintrittspreise und Flugrouten sich ändern; wo es darauf ankommt, haben wir auf eine Prüfung vor Ort hingewiesen.

Möchten Sie Jerewans Gedenkstätten, Handschriften und Kathedralen mit einem ortskundigen Guide sehen? Sehen Sie sich unsere Kleingruppen- und Privattouren an oder beginnen Sie mit dem Stadtrundgang durch Jerewan, und fragen Sie über die Kontaktseite nach einer individuellen Route.

Häufig gestellte Fragen

Wann hat der Bundestag den Völkermord an den Armeniern anerkannt?

Am 2. Juni 2016 verabschiedete der Bundestag eine Resolution, die die Ereignisse von 1915 und 1916 als Völkermord bezeichnet und die Mitverantwortung des Deutschen Reiches als wichtigster Verbündeter des Osmanischen Reiches betont. Es gab eine Gegenstimme und eine Enthaltung.

Wer war Johannes Lepsius?

Ein deutscher Pfarrer und Orientalist (1858-1926), der die Verfolgung der Armenier dokumentierte, 1915 nach Konstantinopel reiste und 1916 einen langen Bericht verbreitete. Sein Haus in Potsdam ist heute eine Gedenk- und Forschungsstätte.

Brauchen Deutsche ein Visum für Armenien?

Deutsche Staatsangehörige können nach dem Stand von 2026 visumfrei bis zu 180 Tage pro Jahr einreisen, der Reisepass muss für die gesamte Aufenthaltsdauer gültig sein. Prüfen Sie die Regeln vor der Reise beim Auswärtigen Amt.

Gibt es deutsche Kriegsgräber in Armenien?

Ja. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge führt in Abowjan einen Kriegsgefangenenfriedhof mit 97 Toten, der 1999 neu gestaltet wurde. Weitere Gräber gibt es etwa in Gjumri, die Zahlen weichen je nach Quelle ab.

Wie viele Armenier leben in Deutschland?

Die Schätzungen gehen weit auseinander. Die armenische Botschaft nannte 2015 rund 50.000 bis 60.000, andere Quellen bis etwa 100.000, die amtliche Statistik zählte 2024 knapp 33.000 armenische Staatsangehörige.